Hundert Tage im Jahr bleiben Mauersegler in der Schweiz. Von Juni bis Oktober 2024 tat Anja Liedtke es ihnen gleich und verbrachte einen langen Sommer in Arosa im Kanton Graubünden. Die Autorin nimmt uns mit über Bergpfade und Wandersteige, wir tauchen mit ihr ein in die berauschende Vielfalt der Alpenwelt. Die Schönheit des schweizerischen Hochgebirges und der Reichtum kilometerweiter Wiesen und Weiden werden durch ihre Beschreibungen und ihre poetische Sprache nicht nur sichtbar, sondern auch lebendig. Anja Liedtke schildert Pflanzen, die sie auf ihren Wanderungen sieht und befühlt, ebenso wie die Tiere, die sie hört und mit dem Fernglas erspäht. Dabei begegnet sie auch dem seltenen Alpen-Salamander und sogar Wölfen. Naturbetrachtung und das eigene Erleben in der Landschaft ver binden sich hier auf leise, eindringliche Art – Nature Writing par excellence.


»Seit vielen Jahren zählt Anja Liedtke zu den pro liertesten literarischen Stimmen des Ruhrgebiets.«
Sven Westernströer, WAZ Bochum

»Den Sommer über habe ich achtgegeben, ob ich Wasseramseln in der Plessur sehe. Erst jetzt entdecke ich ein Paar vor dem Einlauf in den Stausee. Weiße Brüste wie Quarz, graue Leiber und Flügel wie Schiefer und Serpentin, perfekt getarnt am Ufergestein. Die rundlichen Kiesel tauchen, schwimmen, fliegen, nah verwandt sind Fische und Vögel.« (aus Flügel wie Schiefer)

21. März 2026, 11:30 Uhr, Forum Lesereise der Leipziger Buchmesse, Halle 5.

Lesung und Gespräch mit der Verlagsleiterin Marietta Thien.

Der Stand des Dittrich Verlags ist die 108.

Weitere Lesungen: https://anja-liedtke.de/lesungen/

Zum Autorenshop

Textausschnitt

Flügel wie Schiefer

Hundert Tage Hochgebirge

100 Sommertage verbringen Mauersegler in der Schweiz. In diesem Jahr tue ich es ihnen gleich. Ich wandere auf etwa 2000 Meter Höhe oberhalb von Arosa. Ich bin gerade erst angekommen, darum stelle ich mich den Kühen vor und suche ein gemütliches Plätzchen in der Gebirgswiese oder auf dem alpinen Rasen. Es ist Juni, von den Gipfeln fließen Schneefelder, unter mir und um mich herum blüht es bunt aus dichtem Grün, das nur selten braune, teils trockene, teils feuchte Erde oder helles Gestein sehen lässt. Die Blumen, die mich umstehen, heißen mit Vornamen oft Alpen-, ihre Nachnamen sind zahlreich und weisen auf Aussehen, Verwendung oder Volksfantasie hin. Zwischen ihnen entspringt die Plessur, vermählt sich mit dem Welschtobelbach, fließt 33 Kilometer nach Chur und mündet in den Alpenrhein. Ich achte auf Wasseramseln und entdecke ein Paar vor dem Einlauf in den Stausee. Weiße Brüste wie Quarz, graue Leiber und Flügel wie Schiefer und Serpentin, perfekt getarnt am Ufergestein. Die rundlichen Kiesel tauchen, schwimmen, fliegen, nah verwandt sind Fische und Vögel.

Ich besteige die Gondel zum Weisshorn auf 2653 Meter. Der Name stammt vom hellen Dolomit. Oh ja, kalkig muss der Fels wohl sein. Eine Kalk-Polsternelke überzieht den Stein wie Moos, so dicht und fein. Die geschlossene Form speichert Wasser wie Wärme und die verlustfreie Umwandlung von abgestorbenem Pflanzenmaterial in neue Nahrung. Die kleinen rosafarbenen Blüten stehen auf drei Zentimeter langen Stielen. Die Polster können einen Durchmesser von über einem Meter erreichen, es dauert allerdings Hunderte von Jahren, bis ein Polster die Fläche von einem Quadratmeter überwachsen hat. Ich stehe auf und trete ein paar Schritte zurück, um die Fläche zu übersehen. Dieses Individuum muss noch älter sein. Ist es möglich, dass so lange kein Fuß, kein Erdrutsch, kein Gerät diese Pflanze zerstört hat? Narben und kahle Stellen sind zu sehen, lockere Steine liegen obenauf. Aber die Nelke hat überlebt und wächst weiter. Die kleine Gänsehaut, die mich überzieht, verursacht nicht der Wind. Ich bin gerührt, betrachte diese Pflanze mit derselben Ehrfurcht wie einen Tausende Meter hohen Berg. Auch ein Gefühl von Hoffnung scheint sich auszubreiten. Ist das die Hoffnung auf ein ewiges Leben dieses Planeten?

Ich lasse mir keine Zeit, die goldenen Blütenkörbchen und graugefilzten Kerbenblätter des Grauen Greiskrauts zu bewundern, weil am Weisshorn schon wieder gebaut wird. Wie viel denn noch? Die Menge der Menschen scheint den Investoren recht zu geben. An welchem Punkt kippt die Situation? Wann wird ein Gipfel so hässlich, dass das grandiose Panorama nicht mehr entschädigt? Es ist lange nicht so weit. Die Menschen streben dem Ausblick zu, sind derart begeistert, dass sie die Alpenbraunelle direkt vor ihren Füßen nicht bemerken. Der Vogel macht keine Anstalten, einen gewissen Sicherheitsabstand zu den Bergschuhen einzuhalten. Erst im letzten Moment fliegt er auf einen Felsen. Während ihn niemand beachtet, bin ich baff und fotografiere ihn anstelle der Gipfel. Sicher, der Vogel ist braun und grau und wird oft mit einem Sperling verwechselt, aber seine rötlich angehauchte Seite passt perfekt zu den roten und orangefarbenen Flechten auf dem Felsen. Die Braunelle liebt ihren Lebensraum so sehr, dass sie bei Gefahr nicht auffliegt wie andere Vögel, sondern sich lieber in Spalten, unter überhängenden Steinen oder im Dickicht von Latschenkiefern versteckt. Im Winter fliegt sie nicht weiter oder tiefer als bis zu Skihütten und Bergdörfern. Das nenne ich eine Einheimische.

Ich stehe im besonnten Bunt und betrachte das Panorama elsternfarbener Gipfel, da bemerke ich, dass jemand neben mir steht. Still und reglos steht er wie ich, lautlos ist er aus der Erde aufgetaucht und beobachtet mich. Seine Flanke hebt und senkt sich mit dem Atem, sein braunes Fell wirkt etwas unordentlich wie eben aus dem Bau geschlüpft. Die Nase abgeplattet wie vor Fels gelaufen, doch hellwach die braunen Augen. Die gelben Nagezähne sind nicht ungepflegt, sie gleichen denen unserer Nutrias. Das Murmeltier sagt nichts, ich schweige ebenso. Der Schwanz zuckt ab und an, als könnte er sich nicht entscheiden, wieder abzutauchen oder zu bleiben. Das Murmeltier verliert das Spiel, ich halte länger aus. Doch schon das zweite Tier raubt mir die Geduld und gewinnt. Beim dritten steht es unentschieden, wir gehen beide unserer Wege.

*

Ich höre von den Hochmooren des Fondeitals. Moore bilden ja ein eigenes Biotop. Darüber hinaus sind sie zu den wertvollsten Landschaften avanciert, seit wir übermäßig CO2 ausstoßen. Moore binden es, setzen es jedoch wieder frei, wenn sie ausgetrocknet oder abgetorft werden. Bei der Ramozhütte hatte ich in der typischen Moorpflanze Wollgras gelegen, heuer schaue ich mir die größeren Flächen unter dem Duranapass an. 800 Höhenmeter sind zu bewältigen, der kleinste Teil davon führt dicht am Fondeibach entlang durch Wald, darüber durch sengende Sonne und landwirtschaftlich genutzte Wiesen ohne jeden Baumschatten. Ich glaube, es vor Überhitzung nicht zu schaffen, doch der Grünsee lockt mit dem Versprechen auf ein Bad. Der Anblick der mit Moos und Schilf bedeckten Flachmoore kitzeln kaum Emotionen hervor, ich sehne mich nach dem See. Dementsprechend bescheiden fällt die botanische Beute aus. Torfmoos vermag das 30-fache seiner Trockenmasse zu speichern. Ich bin versucht, mich nackt auszuziehen und darauf zu wälzen, um mich mit dem Wasser zu kühlen. In Trockenzeiten reduziert das Moos seinen Stoffwechsel. Auf diese Weise stirbt es nicht, sondern kann schier unbegrenzt wachsen. Zwischen den Stämmen der alten Blockhäuser sieht man das natürliche Dämmmaterial. Es wurde beim Bauen feucht eingelegt, verliert nach dem Trockenen nicht die Form und wirkt antibiotisch, wasserspeichernd und -durchlässig, was die Holzkonstruktion haltbar macht und für unsere Gesundheit sorgt. Schnabel-Segge ist ein Sauergrasgewächs. Es reicht bis zum Knie, hat oberseits grasgrüne, unterseits blaugraue Blätter, die aus rotbraunen Scheiden herauswachsen. Ich bin inzwischen durstig, hungrig, muss aufpassen, dass meine Füße und der abgelegte Rucksack nicht im Wasser versinken, darum schaue ich mir die zylindrischen Ähren nicht genau an, sie scheinen im Übergang von Blüte zur Frucht. In Graubünden steigt die weitverbreitete Segge bis auf 2400 Meter, ich befinde mich aktuell auf 2100. Vorsicht beim Kopfheben, nicht gleichzeitig laufen und zwischen den Horsten im Wasser versinken. Fieberklee klingt nach Malaria, aber in dieser Höhenlage gibt es keine Stechmücken, unten im Wald am Fondeibach plagten Bremsen. Ich habe sie mit einer dicken Lage Sonnencreme überlistet, die meinen Schweißgeruch überdeckt. Im Schlamm kriechen fingerdicke Rhizome, Stängel richten sich aus dem Wasser bis auf Knöchelhöhe auf und verbreiten kleeartige, eiförmige Blätter, größer und robuster als Wiesenklee. Wäre die Pflanze ein Mensch, würde man sie als altruistisch ansehen. Die Pionierpflanze dringt in Flachwasser vor, trägt zur Verlandung bei, bereitet anderen Pflanzen den Boden, von denen sie am Ende verdrängt wird. In Deutschland steht der Fieberklee unter Schutz, hier wurden viele Moore abgetorft. Es wäre eine eigene Geschichte, über die Landgewinnung durch Trockenlegung in Deutschland zu schreiben, über die sogenannten Moorsoldaten, über die Verwendung von Torf als Brennstoff, ein Verfahren, dass Aroser erst in armen Kriegsjahren kennenlernten. Aus heutiger Zeit wäre über die Verschwendung von Torf als Düngemittel zu berichten. Torf ist ein weites Feld. Auf das die Sonne brennt, mittendrin stehe ich und fühle sie beißen. Auf dem Rückweg saufe ich wie eine Kuh an jeder Tränke. Um genug Wasser aufzusaugen, hänge ich mich nicht unter den Einlauf, sondern halte das Gesicht in den Trog. So schnell verliert man also seine Zivilisation. Bei der letzten Viehtränke am Bahnhof reiße ich das Sonnenkäppi vom Kopf und lasse den Wasserstrahl darüber laufen. Kinder stehen umher und glotzen, darum stecke ich ihn nicht in den Trog.

Bei einer Lesung lerne ich eine der drei Frauen kennen, die das Fondeital vor Investoren gerettet und verhindert haben, dass es durch ein Skigebiet zerstört wird. Sie waren clever genug, an die richtigen überregionalen Stellen zu schreiben. Nach langem Hin und Her überprüften Experten, ob die Gemeinde die Moorareale in ihrer gesamten Größe festgeschrieben hatte. Das war nicht der Fall. Inzwischen war das Bergbahnen-Unternehmen pleitegegangen. In der Landschaft standen bereits Masten für Lifte. Das Militär sprengte sie auf Kosten der Steuerzahler. Die Gemeindepräsidentin von Langwies bedauert das Ende des Projekts, es hätte Arbeitsplätze in ein Dorf gebracht, das die junge Generation verlässt. Andererseits sagt sie im folgenden Satz, wenn sie sich anschaue, wie das Unterland zugebaut werde, sei es gut, wie es gekommen ist. Zwei Sätze, zwei Positionen, die über die Zukunft eines ganzen Tals in vollkommen unterschiedlicher Weise entscheiden.

*

Auf dem Weg zum Güenseeli, nicht zu verwechseln mit dem Grünsee im Fondeital, vielmehr ist er von Arosa aus oberhalb des Stausees zu erreichen. Auf den Waldlichtungen tanzen Tausende von Insekten wie Schneeflocken. Oder sollte ich sagen wie Teens und Twens in der Disco auf der Suche nach Partnerschaften? Der Lichtshow der Morgensonne unter den Fichten fehlt es nicht an Romantik. Jungfische fließen die Bäche hinab, sammeln sich in Tümpeln, vom Austrocknen bedroht. Glühende Augen der Reiherenten beobachten das Sinken des Wasserstands im Stausee. Der Graureiher, dessen krächzenden Ruf ich heute früh zum ersten Mal gehört habe, genießt das Flachwasser. Vorsichtig schreitet er, die Beute nicht zu verschrecken. Durch den Morast des Grüenseelis staksen Kälber, versinken bis zum Knie, läuten lärmend, lärmen läutend. Ich staune über ihr Gewicht, mich trägt der Matsch, allerdings findet mein Fuß die festen grünen Inseln. Am Weg reichen Himbeeren und Holunder ihre Früchte. Silberdisteln und Stängellose Kratzdisteln kuscheln ihre Köpfe tief ins Gras, auf diese Weise kann man einen Huftritt ertragen. Aus der Perspektive von AGFF, der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Futterbaus, sind das „geringwertige Kräuter“, sie werden ausgestochen, bei starkem Bestand hilft düngen. Andere Distelarten gelten als „Unkraut“, die Acker-Kratzdistel sogar als „absolutes Unkraut“, sie wird chemisch behandelt, sofern es sich nicht um Biolandbau handelt. In wadenhohen Büscheln wächst Schwalbenwurz-Enzian. Seine tiefblauen Kelche haben die klassische Enzianform und Größe, seine langen Stiele und elliptischen Blätter erinnern an den Gelben Enzian. Er blüht von August bis Oktober, darum heißen seine Zweitnamen Herbst- oder Hirschbrunft-Enzian. Er lebt wegen Feuchte und Kalk in Gesellschaft des Sumpf-Herzblatts. Aus einer Rosette von herzförmigen Blättern wächst ein Stängel mit fünf weißen Blütenblättern, die von grauen Adern durchzogen sind. Ich ahne, das sind Strichsaftmale. Das Innere der drei Zentimeter großen Blüte ist derart komplex, dass mir die Beschreibung schwerfällt und ich die Fachliteratur kaum verstehe. Ich sehe glänzendgelbe Kügelchen auf grünen Fühlern, wie sie Schnecken tragen. Diese Staubbeutel sind Attrappen. Fünf weitere dicke, weiße, fleischige Staubblätter reifen nacheinander täglich heran. Die Beutel biegen und öffnen sich nach oben, sodass Insekten von unten eingestaubt werden. Danach wird der Beutel abgeworfen und der nächste reift heran. Der rosaweiße Fruchtknoten mit einem schnabelartigen Griffel ist derart dick, dass ich mich wundere, wie die Fliege Platz zum Sitzen findet. Tatsächlich tut sich eine schwer, ihre Beine stehen kreuz und quer, der Hintern angehoben. Genährt wird sie nicht, sondern getäuscht. Es gibt keinen Nektar, nur einen Ort zum Aufwärmen. Die weißen Kronblätter sammeln und fokussieren wie ein Parabolspiegel Sonnenstrahlen. In Griffelnähe liegt die Temperatur bis zu 3 Grad höher als in der Umgebung. Das Herzblatt ist eine Fliegentäuscherblume. Die gelben Köpfchen auf den Nektarblättern sehen aus wie Nektartröpfchen. Fliegen lassen sich davon irreführen und lecken an den vermeintlichen Tröpfchen. Ich schaue einer dabei zu. Zusätzlich bevorzugen die Geflügelten weiße und gelbe Blüten, und die grauen Saftmale leiten sie direkt zur Blütenmitte. Mein Herzblatt betreibt einen Aufwand wie eine Diva zur Betörung großen Publikums. Was Wunder, dass dieses Geschöpf von grober Einflussnahme bedroht ist. Entwässerung von Mooren und Feuchtwiesen, Absenkung des Grundwasserspiegels, Kultivierung, Aufforstung und Dünger bringen sie in Deutschland und Österreich an den Rand der Verdrängung. Allein in der Schweiz fühlt sich die Diva sicher. Ich muss lachen, als ich passenderweise Wiesen-Augentrost sehe und den Graubündner Namen lese: Augstenblümli. Winzige weiße Blütchen mit gelben Rachen und violetten Adern poppen aus belaubtem behaartem Stängel, amüsieren und trösten, ohne dass ich ihr Elixier ins Auge träufle. Auch der kleine Halbschmarotzer schätzt die Feuchtigkeit und die Nährstoffarmut. Mögen sie der ganzen Gesellschaft erhalten bleiben.

*

Mir läuft der Schweiß in Strömen. Ich will vom Stausee aus zur Jugendherberge hinauf, der Ausblick ist mir empfohlen worden. Ich ahne nicht, dass das die Wanderung der Wunder wird. Obwohl der Wald verwunschen wirkt. Kühl, feucht, licht, es plätschert. Wurzeln bilden Treppenstufen in die Höhe. Da sich hinter jedem Bergrücken ein neues Panorama auftut und ich in ein weites grünes Hochtal voller Gewässer wandere, beschließe ich, nach Langwies abzusteigen. Ich quere einen Bach und steige in einen Kessel umgeben von Gipfeln. Plötzlich echot ein Laut durch den Gipfelkessel, der an ein Heulen erinnert. Knapp unter den schroffen Felsen kollern Steine, eine Bewegung zieht meinen Blick hinauf, da stieben Hirsche auseinander. Sie bleiben stehen und schauen alle aufwärts in eine Richtung. Ich folge per Fernglas ihrem Blick und sehe zwei hellgraue, ich glaube etwas gefleckte Tiere. Das sind keine Hirsche. Ich erkenne eine Rute. Das eine dreht sich um, ich glaube zu demjenigen, der hinterhergetrabt kommt und vielleicht gejault hat, weil er nicht mithält. Mein Gott, ich sehe zwei Wölfe! Sie sind durch die Scharte gekommen und queren die grüne Matte am Schneefeld vorbei. Die Geweihten fliehen nicht weiter, sie beruhigen sich, behalten die zwei hellgraugescheckten Raubtiere in Blick und auf Distanz, reiben aber schon wieder ihre Geweihhaut am Felsen. Ich zähle zwanzig Hirsche über den weiten Hang verteilt, einige dicht unter den schroffen Gipfeln, andere in den Bergkiefern. Ich setze für einen Augenblick das Glas ab, um Luft zu holen, darum bemerken mich die Wölfe an der Bewegung. Sie hatten mich wohl nicht gerochen, weil der Luftstrom von oben, von ihnen aus zu mir herunter weht. Ich spüre ihn auf meinem Gesicht. Als ich das Glas wieder hebe, sind sie langsam aber unwiederbringlich in den Bergkiefern verschwunden. Hätte ich mich doch nicht bewegt und die unbequeme Haltung ausgehalten! Die Hirsche sammeln sich in Grüppchen und ziehen aufwärts, zwar nicht durch dieselbe Scharte, durch die die Wölfe gekommen waren, aber in ungefähr die gleiche Richtung.

Wenig Weg weiter beobachte ich junge Murmeltiere den Rasen hinunterrennen und eine langhaarige Mutter. Eines der Kleinen klettert zu ihr auf die Warte, von wo sie den Berg im Blick hat. Das Junge scheint die Mutter mehrmals auf die Schnauze zu küssen und wühlt sich dann durch das lange Haar zur Zitze. Murmelis nennen die Schweizer passend die possierlichen Tiere.

Auf demselben Pfad rudert träge ein glänzend nasser schwarzer Alpensalamander. Ich hebe ihn auf, er wiegt nur ein paar Gramm. Seine breiten Füße patschen über meine Finger in die Freiheit zurück. Er reckt seinen breiten Kopf und seine Brust hinauf zu mir und schaut mich an. Im gegenseitigen Beäugen ist er ausdauernder, ich muss absteigen, bin länger unterwegs als veranschlagt angesichts der Abenteuer auf dem Weg.

Bisher hatte es wenig Insekten gegeben. Ich fürchtete schon um Pflanzennachwuchs und Vogelfutter. Es fehlten ein paar warme Tage. Jetzt sind sie da und plagen. Krabbeln in die Schuhe, stechen in die Kniekehlen, fliegen ins Gesicht und um den Schweißkopf herum. Falter werfen sich vor Füße, entgehen knapp dem Zertretenwerden. Aber wehe, wenn ich sie fotografieren will, dann werden sie hektisch und flattern davon, die Mohrenfalter, Scheckenfalter, Weißlinge und Bläulinge. Der Star unter ihnen ist der Schwalbenschwanz, einer der größten Tagfalter mit 8 Zentimeter Spannweite. Sein schwarzes Muster auf gelbem Grund flirrt vor meinen Augen und es sieht aus, als trage er Hermesschuhe, doch das muss sein ebenfalls schwarz gestreifter gelber Leib sein. Weit laden seine Schwalbenschwänze aus. Grünköpfige Gartenlaubkäfer schieben ihre braunglänzenden Flügeldecken und bewimperten Körperränder übereinander und treiben Sex auf der Wiese. Die Tour der Wunder nimmt kein Ende. An der endlosen Straße am Sapüner Bach entlang nach Langwies wachsen Wilderdbeeren von einem Aroma, das keine Zuchtbeere bietet. Gleich daneben ragt Bocksbart. Die überdimensionale Pusteblume wartet auf heftigen Wind, um ihre Samen zu zerstreuen. Auch das Brillenschötchen ist verblüht. In jedem grünen Brillenglas wartet ein flacher Samen auf Entfaltung. Unten in Langwies steht ein Auto mit einem Aufkleber: „Wölfe kontrollieren. Nutztiere und Menschen schützen.“ Keine Sekunde lang habe ich mich bedroht gefühlt von den Beiden, vor deren Schnauzen zwanzig Hirsche weiden.

*

„Die Schweiz ist einfach ein großer, buckliger, massiver Felsen mit einer dünnen Grashaut darüber“, schreibt Mark Twain 1879. Ich kann mit dem Satz nichts anfangen, er bringt nichts in mir zum Klingen, dennoch geht er mir nicht aus dem Kopf. Meinem eigenen Text würde ich ihn keinesfalls voranstellen. Er scheint mir das Gegenteil von dem zu sagen, was ich in den Alpen erlebe. Liegt diese unterschiedliche Perspektive daran, dass ich lange Zeit in einem einzigen Tal lebe und einzelne Lebewesen beobachte, während Twain ein Weltreisender ist? Ich schaue hinaus in die fallenden Flocken. Der dritte Schneefall meiner Residenz am 4. Oktober. Die letzten Wanderungen im Hochgebirge werden ungewandert bleiben. Im Hinausschauen weiß ich plötzlich, warum Mark Twains Satz im Kopf haften bleibt: Es ist die dünne Grashaut. Was anderes ist das, als der kostbare Magerrasen? So wertvoll wie die Haut jedes Lebewesens, jeder Zelle. Wird sie verletzt, hat das Konsequenzen für den Organismus. Der Organismus, von dem die Rede ist, sind die Alpen. Und mit ihnen wir alle, die wir direkt oder indirekt von ihnen gespeist werden, körperlich und seelisch. Wir wollen ihre Nahrung, ihre reine Luft, ihr frisches Wasser, ihre Weite, unseren Bewegungsraum, ihre Stille zum Ausruhen, ihren Anblick, um unseren geistigen Horizont zu erweitern und unsere Sorgen und Interessen zu relativieren. All das bietet die dünne Haut der Berge. Seltsam, dass sie solch eine Macht über uns hat wie wir über sie.

Ein Kommentar zu „Neuerscheinung zur Leipziger Buchmesse 2026

  1. Liebe Anja, dein Text über die Wanderungen in den Alpen ist so schön wie die Blumen, die du beschreibst. In jedem Wort merkt man deine Bewunderung der Natur und gleichzeitig deine Sorge über deren Verschwinden. Und man lernt viel über die Geschichte dieser Gegenden.

    Like

Hinterlasse einen Kommentar