Anja Liedtke promovierte 1993 bei Prof. Dr. Siegfried Grosse mit einer linguistischen Arbeit „Zur Sprache der Berichterstattung in den Kriegen am Golf und in Jugoslawien“.

1994/95 arbeitete sie als Lektorin für Deutsch als Fremdsprache an der Tongji-Universität in Shanghai. Hier entstand die Reiseerzählung „China through my eyes“. Für eine „Auskopplung“ aus der 130 Seiten langen Erzählung wurde ihr 1996 der Bettina-von-Arnim-Literaturpreis verliehen.

In der Jury saßen Bodo Kirchhoff und Ingrid Noll. Kirchhoff wählte Liedtkes Text aus, Noll bot ihr an, wenn sie ein Romanmanuskript fertig hätte, läse und kommentiere sie es. Die junge Autorin schickte „Grün Gelb Rot. Ein Heimatroman“. Noll beglückwünschte sie zu dem Skript und schlug vor, sich an den Argument-Verlag in Hamburg zu wenden. Das Buch erschien dort 2000.

Der Heimatroman veranlasste das Literaturbüro Ruhr, die Autorin 2001 mit einem Workshop und einer Lesung zu fördern.

***

Während des Geschichtsstudiums an der Ruhr-Universität Bochum forschte Liedtke am Institut für europäische Arbeiterbewegung unter der Leitung von Prof. Dr. Helga Grebing über sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltige Gesellschaftsmodelle.

Liedtke suchte nach einer Gesellschaft, in der die Freiheit und Würde des Anderen nicht verletzt wurde. Am Ende ihrer Studien erkannte sie, dass die Lösung nicht in einem Modell läge, sondern in einer Bildung und Erziehung, die nach Erich Fromm dem Menschen erlauben und ihn befähigen sollte, sich selbst und sein Menschsein zu verwirklichen. Funktionärstum bis hin zur „Banalität des Bösen“ (Hannah Arendt) ließen sich auf diese Weise vermeiden. An die Stelle des Funktionärs träte ein selbstverantwortlicher, selbständig denkender und urteilender Mensch, der sein Menschsein reflektiert. Empathie wäre der beste Schutz vor Demagogie.

Seit dem Riogipfel 1992 beschäftigte sich Liedtke mit der Agenda 21 und wurde Gründungsmitglied der Lokalen Agenda in Bochum. Sie stellte Parallelen zwischen Zielen und Organisationsformen der Agenda und dem Theoretischen Anarchismus und seiner Gewerkschaftsbewegung, dem Syndikalismus, zur Jahrhundertwende 19./20. Jhd. in Deutschland, Frankreich und Spanien 1936 fest. Die Weltwirtschaftskrise seit 2008 bestätigte die Bedeutung der Riobeschlüsse und veranlasste Liedtke, den utopischen Roman „Stern über Europa“ über eine sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltige Gesellschaftsentwicklung zu verfassen.

***

2001/02 lebte sie in New York, Los Angeles und Arizona und schrieb den Roman „Reise durch amerikanische Betten“.

***

2011 zog Liedtke als Freiwillige von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste nach Jerusalem. Im Beit Ashkenaz, einem Privatinstitut von Meir Schwarz, half sie bei der Erstellung von Gedenkbüchern über jene Synagogen, die in der Reichspogromnacht zerstört worden waren. Vor allem aber hörte sie der Lebensgeschichte Meir Schwarz‹ zu. Eines Tages legte er ihr eine Wörterliste vor und fragte, ob sie einige der Begriffe kenne. „Natürlich“, erwiderte Liedtke, „ich komme aus dem Ruhrpott, da gibt es noch westjüdische Wörter wie Mischpoke, Maloche, Schickse, Ische, Tacheles reden, den Schabbesdeckel aufsetzen, usw.“ Infolgedessen arbeiteten Meir Schwarz und Anja Liedtke an dem kleinen jüdischdeutschen Wörterbuch „So sagt man halt bei uns“. Der Titel geht darauf zurück, was man Schwarz antwortete, wenn er auf Reisen in seine ehemalige deutsche Heimat fragte, woher das Wort stamme, das gerade jemand benutzt hatte. Kaum jemand wusste noch, dass es sich um Westjüdisch handelt.

In ihrer Freizeit besuchte die Volontärin Ester Golan. Wie Meir Schwarz war Golan mit dem Kindertransport nach Palästina gekommen. Anders als er hatte sie ihren deutschen Namen abgelegt. Ester gab Anja das Tagebuch ihrer Mutter aus den 20er Jahren zu lesen. Auf Lesungen erzählt Liedtke, warum ihr das ein derart großer Vertrauensbeweis war, dass sie dem etwas erwidern wollte. Sie gab Ester ihr israelisches Tagebuch zu lesen. Ester daraufhin: „Du hast uns Israelis in deinem Tagebuch so vielfältig beschrieben, wie wir sind. So will ich uns in Deutschland dargestellt sehen. Du bist doch Schriftstellerin. Mach was daraus!“ Daraufhin entstanden die Reiseerzählungen „Blumenwiesen und Minenfelder“.

***

Anlässlich des Shakespeare-Jahres fragte das Kulturbüro Bochum die Bochumer Literaten, ob sie etwas zum Jahrestag beitragen wollten. Zu einem gemeinsamen Projekt der BoLits kam es nicht, aber zu Einzelprojekten. Die erneute Lektüre Richard III. ließ Liedtke denken: „Heute wäre R. Gloster ein Lobbyist.“ In Kooperation mit dem Regisseur Nathanael Ullmann und dem ToM-Theater entstand ein Stück, das im Theater Thealozzi und im Rottstr 5 Theater aufgeführt wurde. 2016 erschien es unter dem Titel „FracKing“ beim Karl-Mahnke-Verlag.

***

Die Nachricht von David Bowies Tod veranlasste Liedtke, ein altes Romanmanuskript zu lesen und zu überarbeiten. Ein Jahr nach dem Tod des für die Autorin bedeutendsten Rockstars der Geschichte erschien der Roman „Schwimmen wie ein Delfin oder Bowies Butler“. Mehr zur Entstehung des Romans erzählt sie in einem Interview mit Oliver Bartkowski in der Zeitschrift „Bochum macht Spaß“.

Interview: Bowie, Bochum, Berlin (S.8)

Autorinnen Vorstellung im „Trailer“

Mitgliedschaften


Schriftstellerverband NRW
GEDOK Wuppertal
Bochumer Literaten

Partner


Literaturland Westfalen
NRW Literatur im Netz
Reviercast.de
Bochum Biennale