Home

Kontakt

Publikationen

Lesungen

Rezensionen

externe Links

TV-Interview zum Roman “Schwimmen wie ein Delfin oder Bowies Butler”

Lesung “Schwimmen wie ein Delfin oder Bowies Butler” I

Lesung “Schwimmen wie ein Delfin oder Bowies Butler” II

Lesung “Schwimmen wie ein Delfin oder Bowies Butler” III

Lesung “Schwimmen wie ein Delfin oder Bowies Butler” IIII

Radiointerview zur Buchvorstellung “Schwimmen wie ein Delfin oder Bowies Butler”

“Noch mal von vorn”. Schulgeschichten aus dem Ruhrgebiet.

Lesung “Golan” I.” aus “Blumenwiesen und Minenfelder”

Lesung “Golan” II. aus “Blumenwiesen und Minenfelder”

Lesung “Nablus” aus “Blumenwiesen und Minenfelder”

Katalog der Bibl. von Yad Vashem, Jerusalem

Richard Gloster

Lesung aus “Stern über Europa”

Lesung “Reise durch amerikanische Betten”

Autorinnenvorstellung in “Trailer”

Bochumer Literaten

NRW Literatur im Netz

leer [ ] räume - virtuelle Gallerie für zeitgenössische Kunst

Hörproben Reviercast.de

Bodo, Das Strassenmagazin, Mai 2017

 

Like dolphins

„Ich bin nicht David Bowie”, antwortete

David Bowie stets höflich, wenn man ihm

in Montreux begegnete und nach einem

Autogramm fragte. 1976 war er in die

Schweiz übergesiedelt und lebte einige

Jahre zurückgezogen im „Clos de Mesan-

ges“, einem Anwesen im Chalet-Stil über

dem Genfersee.

Hierhin hat es Alex verschlagen, die Pro-

tagonistin. In ihrem Opel Corsa mit Futon-

matraze, Laptop, Gaskocher und Rennrad

im Kofferraum ist sie auf Jobsuche.  Was

sie nicht weiß: Das riesige Grundstück,

auf dem sie ihren Wagen für die Nacht

abstellt, gehört dem Briten.

Die Bochumer Schriftstellerin Anja Liedtke

hat einen Bowie-Roman geschrieben, besser:

eine Bowie-Fantasie. Sie verschneidet

Elemente aus Bowies Biografie mit einer

Geschichte um zwei ungleich-gleiche Paare.

Es ist ein Spiel mit Referenzen, das aber auch

ganz ohne Pop-ExpertInnen-Status funk-

tioniert. Die Dialoge zwischen Bowie und

Mick Jagger, seinem zeitweiligen Nachbarn

im Schweizer Exil, hätte ein (anwesender)

Biograf nicht lebendiger einfangen können.

Wäre nicht alles ausgedacht und wären es

nicht ganz verschiedene Zeitebenen, die sich

hier übereinander schieben. Dem Chamäle-

on Bowie hätte das gefallen.

Anja Liedtke | Schwimmen wie ein Delphin

oder Bowies Butler

ISBN 978-3-938834-86-2

asso | 12,90 Euro

 

gelesen von Bastian Pütter

 

  • Trailer Kultur.Kino.Ruhr
  • Wo sind die Helden?
  • 27. April 2017
  • Bowies Butler in Bochum – Lesezeichen 05/17                                                                                                                               
  • Er war stets auf der Schwelle, viel mehr zu sein als „a hero just for one day“ – doch hatte die im Januar 2016 verstorbene Musik-Ikone gerade einen neuen Stil geprägt, wurde dieser sogleich wieder gewechselt wie ein verschwitztes Bühnen-Shirt. Nach seinen drei legendären Berliner Jahren residierte der britische Superstar bis 1998 über zwei Jahrzehnte lang in der Schweiz unweit des Genfer Sees. Dorthin schickt die Bochumer Autorin Anja Liedtke die arbeits- und sinnsuchende Protagonistin ihres 2017 im Oberhausener Asso-Verlag erschienenen Romans „Schwimmen wie ein Delfin oder Bowies Butler“. Die Annäherung an die Pop-Legende geschieht zunächst zaghaft-distanziert und ermöglicht ein hohes Maß an Identifikation mit der Protagonistin Alex, die Bowies harte Schale allmählich knackt und wie eine literarische Sonde die Außen- und Innenwelt ihres neuen Arbeitgebers auslotet, dem sie sich als Butler andient.

    Am 6.4. begeisterte Anja Liedtke ein interessiertes Publikum im Bochumer Zeitmaul-Theater mit ihrer szenischen Leseperformance zusammen mit dem Duisburger Autoren Werner Zapp sowie dem Wattenscheider Singer-Songwriter Serge Corteyn, der prominente Bowie-Songs mit instrumentellen Eigenproduktionen zur Unplugged-Gitarre konfrontierte. Legendär ist zweifellos David Bowies deutschsprachige Fassung von „Heroes“, wo der musikalische Heros den Mythos des ‚Helden
    für einen Tag‘ besingt. Wie einst John Lennon wäre Bowie prädestiniert gewesen, viel mehr zu sein als der ewig talentierte ‚Stilbrüchige‘, dem Alex begegnet, als er bereits Mitte 50 ist und „etwas von Mephistopheles“ hat. Bowies permanentes ‚Spiel mit Ideen‘ konterkariert Alex mit größtmöglicher Authentizität und will ihn zu einem so prominenten Botschafter für Ideen politischer und ökologischer Nachhaltigkeit machen, wie es sein Freund John einst gewesen war… Wer wissen möchte, ob die ambitionierte Mission von Bowies Butler Erfolg hat, kann sich bei Anja Liedtkes Lesung auf der Bochumer Bücherbörse am 13.5. ab 12:30 Uhr in der Mayerschen Buchhandlung (Kortumstraße 69-71) selbst ein Bild machen.

           ULRICH SCHRÖDER

 

Dialogische Lesung im Bochumer Zeitmaultheater. Anja Liedtke und Werner Zapp. Foto: Frank Kurcyk

Joggen entlang des Minenfelds
11. Juli 2017
Die Bochumer Schriftstellerin Anja Liedtke liest auf der trailer-Wortschatzbühne – Festival 07/17
Bochum Total, Tag 4: Kaum angekommen an der trailer-Wortschatzbühne, streckt eine kleine Lady den Arm empor, in der Hand einen Becher. Sie will anstoßen aus der Ferne. Nicht nur die Kleinen, das ganze Publikum ist ob des Wetters gelöst und in Erwartung.
Die Bettina-von-Arnim-Preisträgerin Anja Liedtke kommt auf die Bühne und ist etwas irritiert. „Dann suchen wir mal den richtigen Text“, beginnt sie den Soundcheck. Sie liest aus ihrem neuen Buch ‚Blumengeschichten und Minenfelder’. „Du bist überhaupt noch nicht dran“, weist sie Thomas Aigner – ihren Mann – zurecht, der sie auf der Gitarre begleiten wird. 2011 war Anja Liedtke für Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Jerusalem – eine Reise zu Holocaust-Überlebenden. Daraus entstand später dieses Buch.
„Ich hatte nie Interesse, arabische Staaten zu bereisen“ beginnt sie. Doch, je länger die Autorin in Israel lebt, desto mehr möchte sie auch die Länder ringsherum kennen lernen. „Damit mir das Fremde nicht fremd bleibt“, sagt Liedtke. Auf ihrem Weg nach Jordanien bemerkt sie bereits beim Passieren der Grenze eine unterschiedliche Willkommenskultur. Da sie in Israel arbeitet, muss sie sich direkt einem Iris-Scan unterziehen. Meist angewandt, um mehrfache oder falsche Identitäten zu enttarnen. Ihr Mann, der mit ihr reist, bleibt hingegen von der Prozedur verschont.
Zeitweise wird die Lesung übertönt von der Bühne nebenan. Die Rock-Bässe dringen näher ans Ohr, als die Stimme von Liedtke hinter dem Mikrophon. Innerhalb der Geschichte geht es weiter nach Akaba. Dort decken sich die Protagonisten mit Oliven und Zitronenlimo ein. Die Spirituosengeschäfte sind zu ihrer Überraschung voll von Arabern. In den Hotels erhalten nur die Europäer die alkoholischen Getränke, während man den arabischen Gästen Softdrinks und Shishas reicht. Sie bleibt mit ihrem Blick an den Augen der verschleierten jordanischen Frauen haften. „Perfekt geschminkte Augen. Würdevoller und geheimnisvoller als jede europäische Frau“. In Akaba sind die Damen gut betucht, es sei der wahre Orient, so Liedtke. Mit diesem Gedanken bleiben die Zuschauer zurück, während Aigner auf der Gitarre Mobys ‚Familiar Places’ anstimmt. Im Publikum schauen einige gespannt, andere bleiben stehen und gesellen sich dazu.
Die Nachmittagssonne fällt genau auf die Bänke vor der Bühne. Nirgendwo ist Schatten. Mitunter ist es beinahe so heiß wie in der Geschichte, die wir hören. Die Golanhöhen sind „keine öde, schroffe Berglandschaft“, fährt Liedtke fort. Doch dieses Gebiet sei immer noch stark umkämpft. Dort entstehe ein bizarres Bild: „Reit- und Joggingstrecken führen an Stacheldraht entlang, der vor Minenfeldern warnt“, sagt sie. Seit Ende des Krieges 1967 hält Israel die Golanhöhen besetzt. Bis auf einige geduldete arabische Drusen wurde die arabische Bevölkerung 1967 vertrieben. Israelis leben heute dort. Wann hier Frieden einkehrt?
Andernorts erblicken Liedtke und ihr Mann Steine inmitten von Blumen. Hebräische Namen sind darauf in weißer Farbe zu lesen: Ein modernes Schlachtfeld. Anders als bei Äquivalenten in der Normandie aus dem 2. Weltkrieg ist es angelegt von Menschen, mit denen Liedtke morgens den Bus nimmt. Sie kann sich damit identifizieren. Es ist keine dumpfe Erinnerung an ein Gestern einer anderen Generation.
Liedtke schafft ein Mitreden-Mitfühlen-Mitwirken. So bleiben die Slogans, die unterhalb der trailer-Wortschatzbühne sichtbar werden, nicht nur Lettern auf einem Plakat, sondern gelebte Realität.
Nina Hensch

Autorin Anja Liedtke und Musiker Thomas Aigner
Foto. Dino Kosjak

„Schwimmen wie ein Delfin oder Bowies Butler“, Anja Liedtke.
Neuerscheinung assoverlag.


Es ist Nacht als sie losfährt. Vollmond auf der Autobahn und aus dem Radio
tönt „The Wall“. Ja, es ist auch irgendwo eine Mauer, die sie jetzt in ihrem
Leben durchdringt und durch die sie neu ankommen will. Das Meer ist dabei
eine Sehnsucht wie das Unbekannte, von dem sie so viel erwartet. Die Küste,
Saint Tropez bis San Sebastian, gleichsam ihr Pilgerweg zu innerer Freiheit, hin
zu eigenen inneren Bildern, die der Himmel schenkt und die endlich weit und
stark sein sollen „…teachers leave us kids alone…“.
Allein mit der Straße und der Einsamkeit der Landschaft hält sie immer wieder
an, blickt in die Nacht und lässt die Gedanken schweifen. Als der Morgen
anbricht schwingt sie sich auf das Fahrrad, das sie am Autodach mitführt. So
erkundet sie nun das neue Land, spürt den Wind im Haar und fühlt die Frische
des kalten Baches wie später die Weite des Genfer Sees – „Like dolphins can
swim“ - Jetzt spürt sie in der Natur das Leben, das sie so sehr vermisst – die
Berührung ihrer Seele, die Schwingung ihres Herzens „…Nichts und niemanden
bekam sie je zu berühren, zu fühlen, zu halten. Alles nur Eindrücke, alles nur
Schein…“.
Doch dann plötzlich ein Moment zwischen Zeit und Traum, der sie findet. Als
sie die Augen aufschlägt steht David Bowie vor ihr! Schnell versucht sie sich zu
konzentrieren – „You could be hereo“ – „Ich könnte den Garten pflegen, ich
kann mit zehn Fingern in Word perfekt schreiben, ich kenne mich im Internet
aus und beherrsche die HTML-Programmierung.“ „So viele Jobs, was würden
sie denn bevorzugen?“ „Gartenarbeit oder ihr Butler werden.“…
Mit Momenten der Begegnung zwischen Sehnsucht und Traum beginnt der
Roman der deutschen Schriftstellerin Anja Liedtke. Alex begibt sich auf eine
Reise zu sich selbst und landet dabei im Ferienhaus und in weiterer Folge im
bunten Kosmos der Musikwelt des Superstars David Bowie. Als Butler wird sie
nun zur Person, die die Erinnerungen und gegenwärtigen Interessen und Pläne
Bowies teilt. Eine faszinierende Welt tut sich auf…
Liedtke gelingt ein phantasievoller Zugang zu einem modernen Musik-Roman.
Die Perspektive der sinnsuchenden Alex im Dialog mit Mythos und Realität
eines Starlebens ergibt einen spannenden roadtrip, der Humor wie Ironie
enthält. Und dieses Spiel der Verwandlungen hätte wohl auch dem Superstar
himself gefallen. Anja Liedtke, Schwimmen wie ein Delfin oder Bowies Butler, assoverlag
Walter Pobaschnig, Wien 3_2017
https://literaturoutdoors.wordpress.com
https://literaturoutdoors.wordpress.com/Rezensionen

Das farbenblinde Chamäleon
Anja Liedtkes Schwimmen wie ein Delfin oder Bowies Butler

 
Auf der Suche nach Halt und Orientierung reist die ehemalige Off-Theater-Schauspielerin Alex, die sich zudem als Essayistin versucht und über ,ökologische und soziale Nachhaltigkeit' schreibt, durch Europa. Bei einem Zwischenstopp unweit des Schweizer Promi-Mekkas Montreux macht sie zufällig Bekanntschaft mit einem Künstler, der die Musikszene seit den 70er-Jahren geprägt hat wie kaum ein anderer: David Bowie. Ihr spontaner Impuls, bei dem Weltstar um einen Job zu ersuchen, hat Erfolg - als Bowies Butler versucht Alex bald, ihren neuen Chef von einem nachhaltigen Kunstverständnis zu überzeugen. Hierzu muss der für seine häufigen Stilwechsel als ,Chamäleon' bekannte Musiker jedoch zunächst von einer politischen Rotgrün-Blindheit kuriert werden... Doch auch Alex lernt im Verlauf dieses magisch-realistisch anmutenden Road-Movie-Entwicklungsromans einiges dazu.
In einer frühen Schlüsselszene des Romans offenbart Bowie zunächst, manche Songtexte nach dem Vorbild des von der literarischen Pop-Ikone William Seward Burroughs entwickelten ,Cut-up-Verfahrens' zu schreiben, indem er Fundstücke aus Zeitungsartikeln collageartig als Textbausteine verwende. Ein solChes scheinbar wahlloses Kompositionsverständnis widerspricht jedoch der Auffassung der Protagonistin, Kunst müsse stets eine konkrete Intention haben. Gleichwohl korrespondiert ein solches Verfahren mit dem postmodernen Duktus des Romans selbst, der von einer Durchmischung der Biographie Bowies (George Tremlett, Dt. 1995) mit der fiktionalen Handlung geprägt ist. Diese ist durch Identitätswechsel der Hauptfiguren und insbesondere ein wildes Spiel mit Geschlechterrollen gekennzeichnet: Verleugnet die anfangs verschlossene Protagonistin zu Beginn noch ihre Weiblichkeit, blüht sie in der Begegnung mit Bowie, zu dessen alter ego sie zunehmend mutiert, sowie seinem Freund Mick Jagger immer mehr auf und lässt schließlich auch physische Nähe zu - mit allen damit verbundenen Risiken.
 

Solar City 2040
Tiefenscharf lotet der Roman das künstlerische Entwicklungspotenzial von Bowies Werk aus und wirft die Frage auf, wie visionär sein Schaffen hätte sein können, wenn der im Januar 2016 verstorbene Künstler über dystopische Szenarien wie in seinem frühen Werk Diamond Dogs (1974) hinaus zukunftsweisende Utopien skizziert hätte. Während sich sein zeitweiliger künstlerischer Wegbegleiter John Lennon mit Songs wie Imagine (1971) , denen auch heute noch eine beinahe prophetische Aura anhaftet, mit der Vision einer säkularisierten solidarischen Weltgesellschaft ins kollektive Gedächtnis einschrieb, ließ David Bowie seine großen künstlerischen Einflussmöglichkeiten politisch weitgehend ungenutzt. Zwar verstand sich der virtuose Exzentriker darauf, seine Musikstile zu wechseln wie verschwitzte Bühnenshirts (vgl. trailer-ruhr-Magazin 05/17); spätestens nachdem sein Plan am Widerstand von George Orwells Erben gescheitert war, die Dystopie 1984 zu einem Musical zu vertonen, geriet die Entwicklung eines künstlerisch-politischen Programms hingegen ins Stocken. Dieses Vakuum sucht Alex im Roman zu füllen, indem sie Bowie, der immer noch nach einem geeigneten Musical-Stoff sucht, spontan rät: „Dann mach' 2040!" [128; Seitenangaben in eckigen Klammern beziehen sich hier und im Folgenden auf Liedtke: Schwimmen wie ein Delfin oder Bowies But1er, 2017] Zeitweilig gelingt es ihr, die Rot-Grün-Schwäche des musikalischen Chamäleons zu kurieren und Bowie bei seinen künstlerischen Wurzeln zu packen: Aus der dystopischen Hunger City vom Diamond-Dogs-Album wird nun die sozial und ökologisch nachhaltige Utopie der Solar City. Zumindest für die kurze Dauer einer Tournee wird das Erbe des 1980 erschossenen John Lennon somit würdig verwaltet.
 

Agenda 21 als Protagonist
Mit einer solchen diskursiven Zuspitzung betritt die Bochumer Autorin Anja Liedtke keineswegs Neuland - hat sie doch bereits mit ihrem zweiten Roman Stern über Europa ein , Buch zur Wirtschaftskrise' verfasst bzw. „die Geschichte einer Reporterin auf den Spuren alternativer Gesellschafts- und Wirtschaftsmodelle" beschrieben (so Liedtke in einem Interview mit dem trailer-ruhr Magazin). Neu ist allerdings die utopische Perspektive, die in Schwimmen wie ein Delfin oder Bowies Butler eröffnet wird: „Der Protagonist ist die Agenda 21. All die Millionen Menschen, die weltweit in lokalen und globalen Foren um eine sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltige Zukunft ringen. Das ist das Gegenteil der plündernden Missgestalten Diamond Dogs. " [128]
 

Freie Liebe
Im Hier und Jetzt des Romangeschehens entspinnt sich - unweit des Freddy-Mercury-Denkmals in Montreux und „im Zeitalter von Aids" [164] - zudem eine Liaison zwischen Alex, David Bowie und Mick Jagger, von der die allermeisten Groupies nur träumen können. Allmählich gibt Alex ihre anfängliche Zurückhaltung auf und lässt sich schließlich auf die Dreiecksbeziehung mit David und Mick ein. Doch auch das freie Liebesglück ist episodenhaft und kurz - pflegen David und Mick doch zugleich eine weiterhin prioritäre homoerotische Beziehung miteinander, deren Existenz Bowie im wahren Leben anwaltlich dementieren und in Interviews höchstens als ,Jugendsünde' gelten ließ.
 

Natur als abschmelzender Gegenpol
Alex sucht derweil immer wieder Halt in der berauschend schönen Bergwelt - doch auch diese Konstante droht angesichts des sich bereits abzeichnenden Klimawandels allmählich zu erodieren: „Die Medien sprachen wieder einmal vom Jahrhundertsommer. Die Sommer wurden wärmer ... die Winter ebenfalls." [162] In einem „Artikel in der New York Times" ist zuvor einmal mehr „über den Streit zwischen Europa, besonders Deutschland, mit dem US-Präsidenten" zu lesen, „der sich nicht auf eine COLimitierung einlassen wollte." [139] Geschichte wiederholt sich, FUSZNOTE 11/2017
und auch die idyllisierte Natur mit ihren teils bis in den Sommer noch schneebedeckten Gipfeln erweist sich als fragiler Gegenpol zu Alex' Innenleben.
 

Schadensbegrenzung
Symbolhaft pointiert wird dies durch einen aus Sicht der Protagonistin geschilderten anthropogenen Eingriff in die Natur, dem sie selbst Einhalt gebieten könnte: „Der Nebel kroch mit einem süßen Duft von gemähten Wiesen ins Fenster [...l. Der Heli übertönte das Summen des Laptops und zerstörte die Ruhe im Tal. Flog im Winter ein Helikopter über die Berghänge, kostete die Flucht über den Hang bei hohem Schnee Hirsch, Reh oder Gämse so viele Kalorien, dass sie eingingen. Alex versuchte David und Mick davon zu überzeugen, auf die krassesten Umweltsünden zu verzichten, aber Mick ließ Alex abwägen, wie oft sich denn die Freunde sehen dürften. Die Reise mit Flugzeug und Auto vom Flughafen bis Blonay lohnte sich nicht für einen kurzen Aufenthalt." [163] An anderer Stelle wird selbstzerstörerisches menschliches Handeln wider die Natur durch eine intertextuelle Referenz zum politisch engagierten Spätwerk eines prominenten Schweizer Autoren gesetzt, wo die noch kurze Historie der Spezies Mensch ins Verhältnis zur Erdgeschichte gesetzt wird: „Alex lauschte dem Regen, der über die Dachtraufe floss wie ein Wasserfall im Tessin. - Und dachte an Max Frischs Der Mensch erscheint im Holozän. Es gab nichts Originelles mehr zu denken." [117]
Anja Liedtke rüttelt in Schwimmen wie ein Delfin oder Bowies Butler ein wenig am Denkmal der Pop-Ikone David Bowie, doch sie stürzt es nicht - auch wenn das autodestruktive Verhalten des Kettenrauchers mit multitoxischem Hang, von dem posthum behauptet wird, er habe „ganze Skigebiete weggekokst und geraucht wie das Ruhrgebiet in den soer-Jahren" (Arno Frank: „David Bowie: Der Stern über seiner Schulter", www.musikexpress.de, [10.01.2017]), an diversen Stellen leitmotivisch thematisiert wird. Doch zwischen all' den Gitanes ohne Filter, mit denen Bowie allmählich seinen Körper zerstört, ist immer noch Platz für starke Momente, die den Helden der Pop-Kultur wie in seinem vielleicht eindringlichsten Song Heroes über die Profa nität des Geschehens hinauszutragen scheinen - so etwa, als er seinen Körper nach dem gemeinsamen Schwimmen mit Alex im Meer „mit einem einzigen Delfinsprung aus dem Wasser" wuchtet. [591] Ein wunderschönes Bild, das lange haften bleiben wird.
 

Ulrich Schröder, fisznote, Bochumer Literaturkritik, Heft 11/2017, S. 42 f.

Frank Schorneck und Anja Liedtke im Literaturhaus Dortmund; Foto: Literaturhaus Dortmund

„...weil ich deinen Bowie-Roman durchgelesen habe und er mir sagenhaft gut gefallen hat. Er hat einen Sog bei mir ausgeübt, weil man plötzlich ganz nah bei diesen Stars zu Hause ist. Man begleitet Alex durch die Wohnung, beim Ankleiden von Bowie, geht nah unterm Mantel mit Mick Jagger durch die Berge und all sowas. Es gibt viel Körperichkeit ohne peinlich zu sein. Es gibt viel Nähe, die ohne Worte auskommt und nichts für den Leser aussprechen muss. Die Natur ist ein großer Protagonist in diesem Buch, eine Art Charakter, der wachsen muss und erobert. Es ist ein großes Wagnis gewesen - so habe ich gedacht -, eine Popikone mit einer fiktiven Person zu verknüpfen und daraus einen Roman zu machen. Aber alle haben gewonnen. Es ist ein einziges Spiel mit Identitäten und für mich als Leser irre spannend und schööön!“
Marianne Ullmann, GEDOK
 

“I wish you could swim like the dolphins” - oder

                             “we can be heroes, just for one day.

Welche Liedzeile des berühmten Bowieliedes ist wohl faszinierender, grüble ich.

Wenn ich bei Youtube den Knopf drücke und betrachte, wie Bowie anfangs zurückhaltend, so scheinbar lapidar in die Menge spricht: „We can be heroes, just for one day,“ bin ich sicher, das muss noch immer fast jedem ins Herz gehen. Tiefen aufrühren. Nicht nur, weil dieser Mann entzückende Grübchen hat.

Schwimmen wie ein Delfin oder Bowies Butlerheißt der Titel eines ungewöhnlichen Buches der Autorin Anja Liedtke, ihrem vierten Werk. Wie schwimmen sie denn, die Delphine? Ein Mythos umgibt diese Tiere. Glück bringen sie, heißt es. Oft nähern sie sich Menschen, haben sogar Kinder gerettet … 1997 berichtet Horst Liebl von einem Delphin, der, schwer auf- und abtauchend, nicht davon ablässt, ein totes Delphinkind zu schleppen. Ist es die Mutter? Schließlich löst ein anderer Delphin ab beim Lastentragen. Der Vater?

 So scheinbar mühelos tauchen diese Tiere ab und auf – ist es das, wovon wir träumen?

Auch Alex, eine junge, gerade etwas ratlose Frau, erträumt sich etwas. Sie kann nicht benennen, was es ist. Eines Tages packt sie ein paar wesentliche Dinge ins Auto und macht sich mit diesem Schmalgepäck auf den Weg in eine Auszeit. Zunächst in Richtung ihres geliebten Montreux (Schweiz). Hier haben ihre Europareisen stets den Anfang genommen, und immer hat es gerade geschneit.

Alex wählt „eine unbekannte Straße“ und meint, sie riete jedem Selbstmordkandidaten „zu einem französischen Frühstück und dann in die Natur gehen.“ Mühsam ist der Weg der Selbstfindung. Doch ist man an eine Grenze gestoßen, kommt manchmal das berühmte Licht von irgendwo her.

In diesem Fall ist es der international bekannte Musiker, Sänger und Produzent David Bowie, der im einsamen Bergort Blonay ein Häuschen hat.

„Jede Bewegung…hatte Angela Bowie einmal gesagt, ‚ließ meinen Puls schneller schlagen. …eine rätselhafte Gestalt.‘ “

Bowie ist älter geworden, doch Alex hat mit seinen Liedern gelebt, ist mit manchen seiner magischen Zeilen groß geworden. Fasziniert von seiner realen Erscheinung wechselt doch vieles in ihrem Innern und verbirgt sich hinter abwartendem Stolz.

Da sie eh überleben muss, fragt sie ihn kurzerhand nach einem Job. Warum nicht als Butler? Warum Bowie schließlich zustimmt, weiß er selbst erst später – denn vieles an Alex, die wie er die Grenzen zu überschreiten sucht, selbst im Männlichen oder Weiblichen, scheint ihm zu ähneln. Stellte er nicht die gleichen Fragen, gab er nicht die ähnlichen Widerworte, als er jung war?

Alex erweist sich als anstellig. Sie beobachtet  wach. Und bleibt lange zurückhaltend. Die Feinheiten der Tagesabläufe,  unterschiedlicher Begegnungen und Vorkommnisse  werden von der Autorin stilistisch oft faszinierend wiedergegeben.  Schon das macht Lesefreude aus.

Die junge Frau lernt bald Freunde kennen, die Bowie in seiner Zurückgezogenheit in der Bergnatur immer wieder aufsuchen - in erster Linie Mick Jagger, mit dem ihn ein enges, bisweilen auch erotisches Verhältnis verbindet.

Später begleitet sie den Sänger auf Reisen.

Es dauert lange, bis Alex wagt, sich zu öffnen, geschweige denn von ihrer Vergangenheit manches anzudeuten. Vielleicht ist der wesentlichste Schlüssel diese Musik. Auch Alex, in ihrem früheren Leben mehr oder minder erfolgreiche Schauspielerin, hat schon Texte geschrieben, zu komponieren versucht. Bowie deutet an, er wollte schon „vor Jahren ein Avantgarde- Musical aus 1984 machen…aber die Orwell-Erben stimmten dagegen.“ „Dann mach 2040“, schlägt Alex vor.

Von ‚hunger-city‘ zu ‚solar-city‘.“ Wäre das nicht ein lohnendes Ziel?

Beide packt das Gestaltungsfeuer…

 „Plötzlich war da jemand, der diese Power besaß“, stellt Bowie fest. „Ich hatte das Gefühl, dass …alles anderes werden würde… aber du bist zu zaghaft, gehst keine Risiken ein.“

Über die gemeinsame Erarbeitung des Musicals, die auch den öffentlichen Auftritt nach sich zieht, gewinnt Alex endgültig an Selbstvertrauen. Doch es wäre zu einfach, wenn auch sie ein Bühnenstar würde - denn was hätte dies den LeserInnen zu sagen?

Die Schattenseiten, die Depressionen, alkoholische Exzesse, die Drogenverwirrungen - so vieles hat sie nah gehabt, bereits miterlebt.

Eines Tages findet Alex sich allein wieder, „on the road again“.

Mick Jagger ist abgereist. Und irgendwann trennen sich ihre Wege auch von Bowie. Sie traut jetzt neuen, noch unklaren Ufern, die Bowie sie gelehrt hat zu sehen Doch auch Bowie hat durch den Rückblick in eigene Anfänge, deren frühe Ideale er an Alex wie in einem Spiegel erlebt, dazu gelernt. Erst recht durch diese gemeinsame Bühnenarbeit, bei der sich jeder auf jeden verlassen muss.

Ein Verhältnis des Lehrers wie das des Mr. Higgins zu Eliza hat er nicht entwickelt. Aber das unkörperliche Band zwischen den beiden ist nicht zu übersehen.

 Angelika Zöllner, Vorsitzende des Schriftstellerverbandes Bergisches Land

Gedanken zum Buch von Anja Liedtke

„Schwimmen wie ein Delfin oder Bowies Butler“

Die Handlung des Buches muss sich jeder Leser selbst erschließen.
Die Inhalte – das was der Text auf seinen 189 Seiten be-inhaltet, aussagt, mitteilt, vermittelt, anregt... stößt wohl bei jedem Leser auf andere Schwerpunkte und die haben, dann wohl vor allem mit seinem eigenen Leben zu tun.

Litertur liest man immer im dreifachen Sinne: Aus Achtung vor dem Autor; um über die Lebenserfahrungen der Protagonisten zu erfahren; und um angeregt zu werden, im Hinblick auf Aktionen und Entscheidungen, die man ohne die Lektüre nie gewagt hätte.

So bietet das Buch nicht nur Unterhaltung, ebenso stellt es Fragen, die der kreative Leser am Ende des Buches sich selber zu stellen vermag.

Meine Angewohnheit, beim Lesen eines Buches, mir aufzuschreiben, was mich regt – anregt und motivierende Wirkung auf mich hat, diese Gewohnheit fröhnte ich auch in diesem Werk.

Da stehen nun halbe und ganze Sätze auf dem Merkzettel, die ihre Nachwirkungen – nach dem lesen des Buches – haben werden.

Ist das nicht auch ein Anliegen eines Autors, Schriftstellers ?

Wie glücklich kann sich ein solcher schätzen, legt sein Leser das Buch nicht nur beiseite mit einem Blick auf das bereits wartende nächste Buch...

Einige der notierten Sätze will ich preisgeben:

Da las ich: „Hab keine Angst vor Größe“ oder „Eine Rolle spielen...“ – Versucht das nicht jeder Mensch? Eine Rolle dem Anderen vorzuspielen. Wer will wissen, wer ich wirklich bin? – Der beste Freund will es wissen – wir haben alle unsere besten Freunde, die es wissen und keine „Rolle“ in mir sehen wollen.

Ich wünsche dem Buch noch viele Leser mit dieser „übersensibilisierten Wahrnehmung“, in der sich die Protagonisten sucht und selbst erkennt.

„Es lässt sich nur entwickeln, was vorhanden ist...“

„Man wirkt so, wie man sich fühlt...“

„Wenn du nicht gehört werden willst, wirst du auch nicht gehört...“

 Und schließlich ein weiterer dieser Sätze, fast am Ende des Buches: „Man muss die eigene Existenz in Frage stellen..“

Ich tue das gerade und werde mein Nichtwissen über Bowies Musik baldmöglichst nachholen. Auf die englisch-sprachigen Textstellen im Buch musste ich leider vezichten. – So bleibt nach jeder guten Lektüre immer etwas zurück, das noch erworben sein will.

Karin Manke-Hengsbach, Berlin